market-interview.com mit Roland Klaus (über Finanzmärkte)

 




Roland Klaus war viele Jahre lang Börsen-Korrespondent für Nachrichtensender wie n-tv und N24. In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ mahnt der freie Journalist Selbstverantwortung und einen realistischen Blick auf die ökonomischen Herausforderungen der Zukunft an.

 

market-interview.com: Herr Klaus, den meisten Lesern sind Sie noch als Börsen-Moderator bekannt. Angesichts des deutlichen Anstiegs der Aktienmärkte in den vergangenen Monaten – ist die Euro- und Wirtschafts-Krise schon vorbei?

Roland Klaus: Aus meiner Sicht ist weder die aktuelle Krise beigelegt, noch sind die wirtschaftlichen Aussichten besonders rosig. Die steigenden Aktienkurse, die wir gerade sehen, sind vielmehr ein Beleg für den akuten Anlagenotstand, der bei den Akteuren zurzeit vorherrscht. Vor allem institutionelle Anleger finden bei den früher so beliebten festverzinslichen Staatspapieren inzwischen weder die nötige Sicherheit noch akzeptable Renditen vor. Insofern steht der Aktienmarkt eher für das „kleinere Übel“. Die Flucht aus Staatstiteln in andere Asset-Klassen dürfte gerade erst begonnen haben, und wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Daneben weichen die Anleger auch in zahlreiche andere Anlageformen aus, sofern diese noch eine hinreichende „relative Sicherheit“ aufweisen. Beispielsweise verzeichneten etwa Immobilien oder auch Großanlagen im Bereich Alternative Energien in den letzten Jahren erhebliche Zuflüsse.

market-interview.com: Stichwort Immobilien: Auch die privaten Investoren flohen in den letzten Jahren scharenweise ins Betongold. Sie selbst sehen Immobilien in der aktuellen Lage aber auch durchaus kritisch.

Roland Klaus: Immobilien haben von dem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis und der allgemeinen Furcht vor Inflation bereits stark profitiert. Anleger, die sich mit einer Immobilie gegen mögliche Krisen-Risiken wappnen wollen, müssen sich allerdings vorsehen – sie können damit schnell vom Regen in die Traufe kommen. Gerade wenn sich die allgemeine Staatsverschuldung verschärfen sollte – und der Finanzbedarf der Staaten steigt – sind Immobilienbesitzer besonders gut greifbar. Wie der Name schon sagt, ist man mit einer Immobilie nicht mobil – und wird dadurch leicht zur Melkkuh des Staates, der sich in schwierigen Zeiten an den vermeintlich vermögenden Hausbesitzern schadlos hält. In Inflationszeiten sind zudem noch politische Gegenmaßnahmen wie Mietobergrenzen zu befürchten, die die ursprüngliche Kalkulation zusätzlich belasten. Auch Instrumente wie Zwangsanleihen oder Zwangshypotheken erscheinen momentan zwar noch recht weit hergeholt, sind aber in künftigen Krisenzeiten ebenfalls denkbar.

market-interview.com: Populär waren bei den deutschen Anlegern in den vergangenen Jahren auch Edelmetalle. Steht man denn damit in schwierigen Zeiten auf der richtigen Seite?

Roland Klaus: Der Kauf von Edelmetallen ist im Großen und Ganzen sinnvoll. Allerdings sollten Gold und Silber weniger als Geldanlage mit entsprechenden Renditeerwartungen gesehen werden, sondern vielmehr als eine Art Versicherung für den Ernstfall. Es ist also weder sinnvoll, das komplette Vermögen in Edelmetalle zu investieren. Noch sollten Edelmetall-Besitzer täglich auf den Kurs schauen. Damit Gold und Silber ihre Absicherungs-Funktion im Fall einer Krise tatsächlich auch erfüllen, kommt es zusätzlich auf die Verwahrungsart an. Ich halte nicht viel von entsprechenden Fonds oder Verbriefungen, mit denen der Anleger dann wieder nur über „Papiergold“ verfügt. Gold sollte physisch gehalten werden, und zwar nicht nur im eigenen Land. Wer sein Gold ausschließlich bei der heimischen Bank oder Sparkasse lagert, kann im Ernstfall den Zugriff darauf verlieren. Er hätte dann genauso gut eine Wurst von einem Hund bewachen lassen können.

market-interview.com: Ihr Vertrauen in Staaten und Regierungen ist ja nicht besonders stark ausgeprägt. Woher kommt diese Skepsis? Ist sie eine Folge der Euro-Krise?

Roland Klaus: Die Euro-Krise ist das eine Problem. Das andere Problem sind die erheblichen Herausforderungen, die den Staaten durch die demographische Entwicklung bevorstehen. Letzteres Problem wird momentan zwar wegen der akuten Krise kaum diskutiert. Die künftigen Belastungen für die staatlichen Sozialsysteme sind aber erheblich – und dies nicht nur in einem Grossteil der europäischen Länder, sondern auch in den USA und in Japan. Bekanntermaßen wird es in diesen Staaten in Zukunft immer mehr Menschen geben, die staatliche Leistungen beanspruchen, während die Zahl der aktiven Arbeitnehmer, die in die Sicherungssysteme einzahlen, dramatisch zurückgeht. Viele Länder werden dadurch in Schwierigkeiten geraten, und sie werden deshalb versuchen, vermehrt auf die privaten Vermögen zuzugreifen. Vor diesem Hintergrund halte ich früher oder später die Rückkehr der Vermögenssteuer für sehr wahrscheinlich, und auch sonstige Steuererhöhungen sind unausweichlich.

market-interview.com: In Ihrem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ rufen Sie ihre Leser dazu auf, sich gegen diese Belastungen, die deren wirtschaftlichen Wohlstand gefährden, rechtzeitig zu wappnen. Was ist darunter zu verstehen?

Roland Klaus: In erster Linie rate ich dem Leser dazu, die bestehenden Probleme und ihre Konsequenzen mit klarem Blick zu erkennen. Wir müssen vor allem unsere überkommene Illusion von sozialer Sicherheit und unser Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Staates grundlegend hinterfragen. Die Staaten werden wegen ihrer wachsenden Verschuldung zunehmend unter Druck geraten, und sie werden in Zukunft nicht mehr in der Lage sein, ihre Aufgaben wie bisher gewohnt zu erfüllen. Dies gilt vor allem für die soziale Sicherung der Bürger, aber auch für andere Staatsaufgaben wie die Bereitstellung von öffentlicher Sicherheit, Infrastruktur oder einer ausreichenden Bildung für unsere Kinder. Wir müssen akzeptieren, dass wir in all diesen Bereichen künftig weitaus stärker auf uns allein gestellt sind. Für den Kapitalanleger etwa bedeutet dies unter anderem, sich auf höhere Belastungen und Abgaben einzustellen und seine Anlagen stärker geographisch zu diversifizieren.

market-interview.com: Der Anleger sollte sein Geld also vor den angeschlagenen Staaten in Sicherheit bringen?

Roland Klaus: Ich rede hier nicht der Steuerhinterziehung und derartigen Praktiken das Wort. Wohl aber ist es heute unumgänglich, sein Vermögen dadurch abzusichern, dass man es geographisch breit streut und in verschiedenen Regionen investiert und deponiert. Und auch jenseits der Geldanlage geht es darum, in Alternativen zu denken. Jedermann sollte heute die wachsenden Herausforderungen, die aus der steigenden Staatsverschuldung und dem demographischen Wandel entstehen, in seiner individuellen Lebensplanung berücksichtigen. Dabei kann es auch sinnvoll sein, den „Notausgang“ zu nehmen – sprich, der Heimat den Rücken zu kehren und auszuwandern.

market-interview.com: Welche Länder und Regionen wären dabei denn besonders attraktiv?

Roland Klaus: Pauschal lässt sich das schwer sagen, denn es hängt stark von den Vorstellungen und Perspektiven des Einzelnen ab. Wer aber seinen wirtschaftlichen Wohlstand absichern will, für den sind etwa „Sonne und Meer“ sicherlich nicht die entscheidenden Kriterien. Vielmehr geht es bei der Wahl eines neuen Wohnsitzes neben den persönlichen Chancen und Herausforderungen vor allem um Rahmenbedingungen wie Stabilität und wirtschaftlich gesunde Strukturen. Die asiatisch-pazifische Region ist unter diesen Gesichtspunkten, und auch im Hinblick auf die demographische Entwicklung, sicherlich viel versprechend. Ich würde hier unter anderem Australien, Neuseeland und Singapur zu meinen Favoriten zählen. Daneben halte ich  - mit Einschränkungen – auch die Vereinigten Arabischen Emirate für interessant. Innerhalb Europas habe ich in meinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ lediglich die Schweiz und Norwegen als attraktive Auswanderungsziele näher besprochen. Für Norwegen sprechen unter anderem die hohen Öleinnahmen, die dort vom Staat sehr weitsichtig investiert werden. Die Schweiz wiederum ist zwar stark vom Bankensektor abhängig, die Verschuldung des Landes ist aber gering und die föderale Struktur vorteilhaft.

market-interview.com: Auswanderung ist allerdings nicht für jedermann eine Option – was raten Sie denen, die im Inland die Stellung halten?

Roland Klaus: Auch hier hängt vieles von den persönlichen Lebensumständen ab. In jedem Fall sollte man sich aber auf die genannten Bedrohungen des persönlichen Wohlstands einstellen, und sich bewusst machen, dass man vom Staat immer weniger zu erwarten hat. Sowohl bei der Geldanlage als auch in der Lebensplanung und beim sozialen Umfeld gilt es, sich so aufzustellen, dass man möglichst unabhängig von staatlichen Leistungen bleibt. Das beginnt schon im Kleinen: Soziale Konzepte wie Mehrgenerationenhäuser, in denen der eine für den anderen da ist, halte ich für genauso sinnvoll wie eine stärkere Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten und ein ausgeprägtes Miteinander auf kommunaler Ebene. Daneben sollte jedermann stets mit offenen Augen durch die Welt gehen – es ist im Detail nämlich nur schwer vorherzusagen, welche konkreten Herausforderungen uns bevorstehen werden.

market-interview.com: Vielen Dank, Herr Klaus, für das Gespräch.

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